De:publica 2010

Höhere Gebühren, Bürokratie und ein kleineres Angebot. So einfach lässt sich die deutsche Rundfunkpolitik des Jahres 2010 umschreiben. Seit 1. September sind die Rundfunkanstalten dazu verpflichtet, tausende Beiträge aus ihrem Angebot zu löschen. Leidtragender ist die Bevölkerung, die die Produktion der Inhalte mit ihren Gebühren erst möglich gemacht hat. Doch wie so oft heißt es: bezahlt ist nur geliehen.

Motor dieser Entwicklung ist die Verlegerlobby, die sich im Wettbewerb mit den „zwangsfinanzierten“ Anstalten benachteiligt sieht. Den kulturellen Schaden, den sie mit ihrer Forderung angerichtet hat, nimmt sie billigend in Kauf. Die Inhalte der öffentlich-rechtlichen Anstalten sind nämlich längst zu einer wichtigen Referenzquelle geworden und damit allgemeines Bildungsgut. Wenn Artikel und Fernsehbeiträge – gerade aus der Vergangenheit – gelöscht werden, verliert die Bevölkerung den Zugriff auf unschätzbare Zeitdokumente. Zitate wirken wie aus der Luft gegriffen, Artikel verlinken ins Leere. Das erschwert wissenschaftliches Arbeiten und auch die Wikipedia mit ihrem ausgeprägten Drang zur Quellenangabe leidet darunter.

Depublizieren ist, als würde die Bahn beginnen, bei voller Fahrt ihr Schienennetz zu demontieren.

Doch mit der Zähigkeit und Flexibilität des Internets hat die Politik anscheinend mal wieder nicht gerechnet. In Robin-Hood-Manier spiegelt http://www.depub.org das gelöschte Archiv der Tagesschau und ich möchte wetten, dass diesem Beispiel in Zukunft noch weitere Seiten folgen werden.

Politik am Bürger vorbei funktioniert immer seltener. Denn Mithilfe moderner Kommunikationstechniken weiß sich dieser mittlerweile zu wehren. Und vielleicht heißt es deshalb auch in Zukunft nicht: Dieser Artikel ist aus rechtlichen Gründen leider nicht mehr verfügbar.

Links zum Thema:

NDR will mit „allen juristischen Mitteln“ gegen Depub.org vorgehen (Carta)

Wird NDR gegen depub.org vorgehen? [Netzpolitik.org]

NDR: depub.org ist ein Beispiel für die kreative Anarchie im Internet [Netzpolitik.org]

Dieser Beitrag wurde unter Piraten, Politik, Text, Web veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten auf De:publica 2010

  1. Pingback: Tweets that mention De:publica 2010 | 137b zeitweise -- Topsy.com

  2. Stefan sagt:

    Leider konnte ich den Text nicht vollständig lesen, da er zu schnell depubliziert wurde. Aber genau so wird es uns mit den Inhalten der öffentlich rechtlichen gehen.

    • Silentjay sagt:

      Tja da hilft nur was depub.org jetzt schon tut… text in sicherheit bringen, bevor er verschwindet.
      F5 , strg A, strg C, strg V 😉

  3. Pingback: Dentaku » De:publica 2010

  4. Oliver Beck sagt:

    Hilfreich beim Lesen dieses unterstützenswerten Artikels wäre, die graue Einfärbung der Link-Texte auf grauem Hintergrund nochmal zu überdenken. Danke!

  5. Thomas sagt:

    Dieser Kommentar enthält Content von mir. Er ist in Deinem Land nicht mehr verfügbar.

    (Ich weiss, anderes Thema…)

  6. Pingback: Glanzlichter 33 « … Kaffee bei mir?

  7. Sam sagt:

    waaaaaaaaaaaaaaah. was ist los. ich wollt grad den artikel aufrufen, da war er weg????

  8. Pingback: Freitags Links Abbiegen | ikusei Blog

  9. Florian sagt:

    Ich würde behaupten: Zwei Drittel der Leute haben keine Ahnung, um was es geht und wer den Artikel „depubliziert“ hat…

  10. Pingback: Dieser Artikel ist aus rechtlichen Gründen nicht mehr verfügbar… » textfresser

  11. reload sagt:

    dieser kommentar zerstört sich selbstständig in 3 … 2 … 1 ….

  12. Pingback: Twitted by jimynu

  13. marco sagt:

    Großartige Idee! Respekt!

  14. Pingback: Twitted by pmExquisit

  15. Marc Anton sagt:

    „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ (Heinrich Heine)

  16. Pingback: Links fürs Wochenende

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *