Branchenfahrplan für den Übergang ins digitale Zeitalter

Willkommen! Die Digitalisierung steht vor der Tür. Was müssen Sie tun, um Ihren behäbigen Branchendampfer sicher in digitale Gewässer zu lotsen? Diese kleine Anleitung macht Sie fit fürs Internet.

  • Keine Hektik! Tun Sie zunächst nichts.
  • So richtig gar nichts. Warten Sie ab! Bestellen Sie sich einen Drink oder gehen Sie Golfen! Das entspannt.
  • Lehnen Sie sich zurück und genießen sie die Zeit, in der Ihre Branche noch nicht vom digitalen Wandel erfasst worden ist.
  • Kosten Sie das aus, solange es geht: Ein guter Richtwert sind zehn bis zwanzig Jahre.
  • Ihre Umsätze brechen ein? Ihre Inhalte werden schwarz ins Netz geladen und sind dort frei verfügbar? Keine Panik! Befolgen Sie aufmerksam die nächsten Schritte.
  • Jammern Sie öffentlich über schwindende Einnahmen.
  • Klopfen Sie bei einer Webklitsche an und investieren Sie 50.000 € in eine eigene Internetpräsenz.
  • Füllen Sie ihre Seite nicht mit Inhalten! Die werden Ihnen sowieso unter der Nase weggeklaut. Falls Sie es doch tun wollen, achten Sie darauf, sie möglichst effektiv vor ihren Kunden zu verstecken. Eine unübersichtliche Navigation und eine fehlende Suchfunktion wirken manchmal Wunder.
  • Akquirieren Sie Werbeaufträge! Seien Sie großzügig. Planen Sie genug Platz ein. Geben Sie der Werbung Luft zum atmen. Zwei Drittel ihrer Seite dürften genügen.
  • Schneiden Sie ihre Inhalte in kleine Bröckchen, und walzen Sie sie zu endlosen Klickstrecken!
  • Nur ein aufgeräumter Netzauftritt ist ein guter Netzauftritt. Löschen Sie Inhalte spätestens nach sieben Tagen von ihrer Seite.
  • Verfolgen Sie aufmerksam Ihre kontinuierlich sinkenden Umsatzzahlen.
  • Jammern Sie öffentlich über die um sich greifende Gratiskultur.
  • Beschimpfen Sie ihre Kunden als Diebe, Räuber und Gesindel.
  • Wiederholen Sie die letzten drei Schritte.
  • Statten Sie Ihre Inhalte so mit Kopierschutzmaßnahmen aus, dass übliche Lesegeräte sie nicht mehr abspielen können.
  • Kündigen Sie ein eigenes Lesegerät an, um ihre wütende Kundschaft zu beruhigen.
  • Beschränken Sie die Nutzung Ihrer Inhalte auf einen kleinen Personenkreis.
  • Beschränken Sie die Nutzung Ihrer Inhalte zeitlich und räumlich.
  • Beschränken Sie die Nutzung Ihrer Inhalte auf eine definierte Person, an einem definierten Ort zu einer definierten Zeit.
  • Jammern Sie öffentlich über die drohende Verarmung der Kreativen.
  • Halbieren Sie mit Hinweis auf die prekäre Lage das Honorar ihrer Autoren.
  • Dokumentieren Sie, wie Ihre Autoren nun auf der Straße betteln müssen. Schlachten Sie die Fotos medienwirksam aus.
  • Verklagen Sie jeden, der ihre Produkte gebraucht wieder verkauft. Ihre Produkte sind schließlich keine Orientteppiche.
  • Verschieben Sie das Veröffentlichungsdatum ihres Lesegerätes.
  • Jammern Sie öffentlich über den kulturellen Niedergang.
  • Eröffnen Sie einen Internetshop: Öffnungszeiten Montag bis Freitag 10.00 Uhr – 18:30 Uhr.
  • Schreiben Sie die AGBs Ihres Shops so, dass sie mühelos auf 300 klein bedruckte DIN A4-Seiten passen.
  • Verkaufen Sie Ihre Produkte nur im Sparabo.
  • Verkaufen Sie Ihre Kundendaten an Casinobetreiber und die CDU oder brennen Sie sie auf eine CD, die Sie im Zug liegen lassen.
  • Löschen Sie die rechtmäßig erworbenen Inhalte ihrer Kunden über die mitinstallierte Hintertür, um neue Kaufimpulse zu generieren.
  • Canceln Sie Ihr Lesegerät.
  • Kaufen Sie günstig den ursprünglichen Twitterserver und lassen Sie Ihre DRM-Identifizierung darüber laufen.
  • Jammern Sie darüber, dass man im Internet kein Geld verdienen kann.
  • Warten Sie darauf, dass sich Apple ihrer Branche annimmt und einen Shop in iTunes integriert.
  • Zögern Sie die Verhandlungen mit Apple möglichst lange heraus und fordern Sie 42 unterschiedliche Preisabstufungen.
  • Stellen Sie Ihren Content nur im US-Shop bereit.
  • Klagen Sie über den hohen Anteil, den Apple von Ihren Einnahmen abzweigt.
  • Entwerfen Sie eine iPad-App mit der man über In-App-Purchases Werbevideos zu Ihren Produkten ansehen kann.
  • Jammern Sie öffentlich über unzureichenden rechtlichen Schutz.
  • Profitieren Sie von Kunden, die Ihre Angebote über Google finden und verlangen Sie von Google Geld dafür.
  • Lernen Sie Ihre Kunden besser kennen. Plädieren Sie für vollen Zugriff auf alle Daten aus der Vorratsdatenspeicherung.
  • Stellen Sie Lobbyisten ein und veranstalten Sie ein Festessen für die Kanzlerin.
  • Kaufen Sie einen niedrigeren Mehrwertsteuersatz für Ihre Produkte bei der FDP.
  • Mahnen Sie im großen Stil ab: Konkurrenten, Filesharer und strickende Mütter auf Dawanda.
  • Lassen Sie sich eine Gemüsesorte patentieren.
  • Fahren Sie großspurige Werbekampagnen für Ihre Produkte, veröffentlichen Sie sie in Europa erst zwei Jahre später als in den USA und weisen Sie Ihre Kunden in der Zwischenzeit darauf hin, dass Inhalte in ihrem Land nicht verfügbar sind.
  • Fordern Sie ein Verwerterschutzrecht für Ihre unermüdlichen Bemühungen.
  • Bekämpfen Sie Micropayment!
  • Verlagern Sie Ihr Unternehmen in die Schweiz.
  • Drohen Sie der Bundesregierung damit, Ihr Unternehmen in die Schweiz zu verlagern, wenn keine schärferen Gesetze verabschiedet werden.
  • Entwerfen Sie ein Merchandisingprodukt zu Sarrazins neuestem Bestseller.
  • Jammern Sie öffentlich über die Verrohung der Sitten.
  • Kümmern Sie sich rechtzeitig um eine millionenschwere Abfindung.
  • Setzen Sie sich auf die Bahamas ab und beobachten Sie den weiteren Niedergang Ihrer Branche.
  • Klopfen Sie sich auf die Schulter und stellen Sie zufrieden fest: Sie haben Ihr Ziel erreicht.

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13 Antworten auf Branchenfahrplan für den Übergang ins digitale Zeitalter

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  2. Andreas Zottmann sagt:

    Sehr nett geschrieben!

  3. Wann schreibt der Zeitweise endlich ein Totholzbuch, an dem ich mich nach eines langen Tages Arbeit im Bett liegend ergötzen und mir die gute Laune wieder holen kann, bevor ich das Licht lösche und mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen einschlafe – in der Gewissheit, dass es auf diese Welt doch noch kluge Menschen gibt?

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  8. hope74 sagt:

    Aktion: Sixtus statt Böller

    M. E. eine sehr gute und unterstützenswerte Aktion zum Thema:
    http://www.indiskretionehrensache.de/2010/12/sixtus-leistungsschutzrecht

    Macht mit und lasst uns schauen, welchen Effekt es hat!

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