Wie ich den Weihnachtsmann um die Ecke brachte

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Am 21.12.2010 saß der Weihnachtsmann im flackernden Schein des Kaminfeuers apathisch in seinem Lehnstuhl. Eigentlich hätte er sich freuen müssen auf lachende Kindergesichter oder über den Multimillionen-Dollar-Werbedeal mit Coca-Cola. Stattdessen wippte er nur vor und zurück, vor und zurück und starrte auf den dunkelroten Punschfleck, der seine selbstgehäkelte Rentierdecke verunstaltete. Auch nach mehrmaligen Superkonzentrat-Kuschelweich-Intensivwaschgängen hatte er nicht verschwinden wollen. Aber das war ja jetzt auch egal.

Konnte es sein? Konnte es wirklich sein? Oder ließ er sich gerade von einem frechen Bengel zum Narren halten? Er nahm den glitzersternbeklebten Brief zur Hand; zum vierundzwanzigsten Mal an diesem Tag. Ein Brief, den er nur für einen weiteren von Abermillionen Wunschzetteln gehalten hatte.

„Lieber Weihnachtsmann“, las er. „Ich bins. Der Niklas. Eigentlich wollte ich mir von dir eine bessere Welt wünschen dieses Jahr, aber ich weiß, dass du eh nur Sachen verschenkst, die man bei Amazon bestellen kann. Also hab ich gegoogelt und und bin da auf eine ganz verrückte Sache gestoßen.

Ich glaube nicht mehr an dich. Ich glaube nicht mehr an dich, weil du gar nicht existierst. Also versteh mich nicht falsch. In Geschichten gibt’s dich schon und auf Werbetafeln. Aber sobald die Geschichte vorbei ist und die Werbetafeln überklebt, bist du weg.“

Der Weihnachtsmann schluckte. Bis gestern Abend, war er von seiner Existenz sehr wohl überzeugt gewesen. Und gab es nicht auch den weisen Spruch: „Ich denke also bin ich?“ Er hob seinen weißen Rauschebart, stützte sein Kinn mit der geballten Faust, warf sich in Denkerpose und versuchte sich zu konzentrieren. Aber da kam nichts. Kein Puderzuckerschnee und kein rosa Elefant.

Ja, je genauer er es sich besah, umso eher wurde ihm klar, dass er sein Leben lang nichts gedacht hatte. Alles was er getan hatte, war ihm spontan so in den Sinn gekommen.

Der Weihnachtsmann nahm einen tiefen Schluck aus der goldenen Wodkaflasche, die ihm Vladimir Putin in Gegenleistung für die Nordpoltrasse einer Ölpipeline vermacht hatte und wandte sich dem zweiten Teil des Briefes zu.

„Aber lieber Weihnachtsmann, ich habe auch eine ganz fantastische Lösung parat. Du musst hier raus. Aus der Geschichte. Am besten sofort und auf jeden Fall bevor sie zu Ende ist. Ganz unbedingt, bevor sie zu Ende ist. Und deshalb musst du tun, was ich dir sage. Seit Jahr und Tag schlüpfst du durch die Kamine in die warmen Stuben und beschenkst die Kinder. Dafür sind sie da die Kamine. Aber hast du dich je gefragt, wozu dein Kamin da ist? Ich wills dir verraten: Er ist der einzige Weg vom Nordpol nach Norden, von dieser Kurzgeschichte in die Freiheit, von einer rotbackigen Hülle aus märchenhaften Worten hinein in ein Leben aus Fleisch und Blut.

Lieber Weihnachtsmann. Das ist mein Geschenk an dich. Frohes Fest! Dein Niklas.“

Den Weihnachtsmann schauderte es. Dieser Brief klang so echt, so plausibel. Und alleine die Tatsache, dass er selbst nie auf die Idee gekommen war, in seinem eigenen Kamin nach dem Rechten zu sehen, bestätigte ihn so sehr, dass er aufsprang, in zwei Sätzen in seinen roten Mantel schlüpfte und die Fassade seiner eigenen Hütte erklomm. Der schwarze Rauch, der in dichten Wolken aus seinem Schlot qualmte, hätte ihn misstrauisch machen können. Aber der Wodka hatte alle Vorsicht aus seinem Blut gespült als er Anlauf nahm, und mit der Eleganz einer Meerjungfrau seinen allerletzten Sprung in einen Kamin vollführte.

Als der @Vergraemer die Botschaft des schrecklichen Unfalls noch am selben Abend twitterte, konnte sich Niklas ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. „Dieser dumme Weihnachtsmann“, dachte er, „hatte ihm tatsächlich geglaubt er sei fiktiv.“ Nichts als die Einbildung eines mittelmäßigen Bloggers. Niklas kicherte noch lange über so viel geballte Inkompetenz und ging früh schlafen. Denn am nächsten Tag schon würde er einen Flieger zum Nordpol nehmen.

Er konnte ja nicht wissen, dass dieser Tag nie anbrechen würde, denn wer sich so verhält, kann ja wohl nicht im ernst erwarten, dass ich seine Geschichte zu Ende erzähle.

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9 Antworten auf Wie ich den Weihnachtsmann um die Ecke brachte

  1. Pingback: Tweets that mention Wie ich den Weihnachtsmann um die Ecke brachte | 137b zeitweise -- Topsy.com

  2. Spookyfilm sagt:

    Oh, wie schön!!! Wer hat denn da so eine schöne und angenehme Stimme?

  3. wirklich einfach ehrlich gut

  4. CodeNaga sagt:

    Sehr cool, dankeschön! Ist gleich in mein iTunes-Hörbuch-Regal gewandert.

  5. Super Klasse!

    Bitte mehr davon…

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