Stilwechsel

Politik folgt ehernen Gesetzen. Feste Koalitionsaussagen sind ebenso Symptom wie der Schlips um den Hals. Er wird nicht aus modischer Überzeugung getragen. Wie die Kasperle-Mütze signalisiert er, welche Art Theater hier gespielt wird. Und nach welchen Regeln. Es sind stumme Übereinkünfte – über Jahrzehnte trainiert und verfeinert. Politiker befolgen sie und Journalisten auch. Es läuft.

Die Rituale haben mit demokratischem Gestaltungswillen, also dem Ringen um Überzeugungen, Wege, Lösungen, nur wenig zu tun: Führung, Geschlossenheit, Disziplin, Hierarchien, floskelhaftes Schönreden, Unzuverlässigkeitsvorwürfe. Die Grünen haben vor 30 Jahren versucht sich diesem Spiel zu entziehen und waren doch erst richtig erfolgreich als sie sich ihm fügten.

So weit nichts Neues. Medien goutieren diese Art der Politik und eine Mehrheit der Wähler auch. Doch die Sehnsucht nach stabiler Top-Down-Politik bröckelt. Ein größer werdender Teil der Wähler wünscht sich Ehrlichkeit, Offenheit, Beteiligung statt formalisiertem Theater. Das bringt gerade die Volksparteien in einen Zwiespalt. Sie sehen sich mit einer neuen Wählergruppen konfrontiert, deren Bedürfnisse der bisherigen entgegensteht. Beteiligung versus Stabilität. Beide Gruppen gleichzeitig anzusprechen ist schwierig. Dies erklärt das Zögern, die neue Gruppe einzubinden. Denn sie ist noch nicht groß genug, um Wahlen zu gewinnen. Und doch ist sie so weit gewachsen, dass eine Partei wie die Piraten locker die 5%-Hürde überspringen kann.

Der Saarland-Wahlkampf 2012 hat gezeigt, wie sehr gerade die Volksparteien noch den überkommenen Ritualen verhaftet sind. CDU und SPD haben die Wahl zwischen alternativen politischen Konzepten auf die Frage nach dem „sie“ oder „er“ eingedampft. Das spiegelt ihre innere Verfassung wieder. Politik von oben gibt es ja nicht nur im Verhältnis Politiker zu Bürger, sondern ist in den Parteien selbst fest verankert. Spitzenkandidaten in kleinen Zirkeln zu bestimmen, anstatt die Basis einzubeziehen, befremdet nicht, sondern gilt als besonders schlagkräftig. Wer aber innerparteilich rein strategisch und hierarchisch agiert, kann auch nach außen Beteiligung und Ehrlichkeit nicht glaubhaft kommunizieren.

Die Parteien müssen sich künftig damit auseinandersetzen, dass die Wähler sich in zwei Gruppen spalten. Mit unvereinbaren Erwartungen. Zur Schau getragene Führungsstärke wird noch eine ganze Weile belohnt werden. Aber einen wachsenden Teil der Wähler erreicht man damit in Zukunft nicht mehr.

P.S. Natürlich gab es schon immer Teile der Gesellschaft, die sich nach mehr Beteiligung sehnten. Nicht zuletzt damit lässt sich der Aufstieg der Grünen Ende der 1970er Jahre erklären. Der Unterschied ist: Beteiligung ist heutzutage nicht mehr so abstrakt oder mühsam. Sie wird ganz praktisch und täglich im Internet gelebt und ist für viele zum Alltag, zur Gewohnheit geworden.

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2 Antworten auf Stilwechsel

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